Göcklingen

Göcklingen Panoramabild von Göcklingen

Von Streitigkeiten um den Göcklinger Friedhof

Ob Ruheforst, herkömmlicher Friedhof, Friedwald, See- oder Feuerbestattung haben alle Bezeichnungen das gleiche Ziel: nämlich ein pietätvoller Ort als Ruhestätte für Verstorbene. Diese Feststellung trifft für alle Völker auf dem Erdenrund zu. Trotzdem gab es in den letzten Jahrhunderten in Göcklingen zwischen den Konfessionen Streitigkeiten um einen dauerhaften Ruheplatz. Die Besonderheit beim Göcklinger Friedhof ist die, dass die Verstorbenen nach Konfessionen getrennt , bestattet wurden.

Der „Kirchhof“ war im Mittelalter in der Regel um das Gotteshaus angelegt. Die Verstorbenen wollten auch „körperlich“ in Gottes Nähe sein Die älteste Urkunde vom alten Kirchhof stammt aus dem Jahr 1731. In seinem Inventarium schildert der damalige Pfarrer Back: „Kirchhof offen um die Kirch, auf welchem die Reformierten und Lutheraner die Erlaubnis erhalten, ihre Toten zu beerdigen unten gegen die Mauer und kleinen Thürlein.“ (nachzulesen in Pfarrer Schirmers Buch: Göcklingen S. 551) Der Kirchhof war von einer Mauer umgeben allerdings mit einem großen Tor (Haupteingang) und einer kleinen Tür (Kirchentreppel) versehen. Er stand überwiegend im Eigentum der katholischen Kultusgemeinde. Die politische Gemeinde war Eigentümer der Kirchhofsmauer, musste diese unterhalten und hatte entlang dieser noch Eigentumsrechte von 3 bis 4 Schuh. (etwa 1,60 m) Außerdem war die Gemeinde noch Eigentümer von dem „Eck“ neben dem Turm mit 16 ½ Schuh (ungefähr 6,40 m).Um die Belegung des Friedhofs - getrennt nach Konfessionen - korrekt einzuhalten, wurde er durch Holzstickel unterteilt. In Schirmers Buch heißt es:“ .... gegen dem kleinen Türlein an der Mauer gegen Jacob Stürmann gegen Simon Drexlers Seite liegen die Lutheraner und Reformierten ... Der Überrest um und vor der Kirche und vorn am Kirchhof bis gegen dem Eck 3 bis 4 Halbschuh davon gehört allein uns Catholiken“. Da im Laufe der Jahre die Holzpfähle morsch wurden, kam es zu Unregelmäßigkeiten und Streit zwischen den Konfessionen bei Bestattungen . So „sey ein alter Jungergesell begraben worden, dass dessen Füß auf die unterstückelte Seite zu liegen gekommen wären (catholischer Religion) und ein anderer (reformierte Religion) sey anderthalb Schritt zu weit auf catholischer Seith begraben worden“.Daraufhin wurden die Holzstickel durch Grenzsteine ersetzt, von Unbekannten wieder entfernt und wieder erneuert. Es entbrannte damals zwischen den beiden Konfessionen wegen der Friedhofsbelegung ein großer Streit, der sogar vor Gericht ausgetragen wurde. Es wurde angedroht, dass „unter Vermeidung von 20 Rutenhieben durch den herrschaftlichen Vogt nichts mehr privat und eigenmächtig geschehen solle“. Auch wurde beiderseitigen Religionsangehörigen verboten, sich nicht mehr – wie allschon geschehen - mit unrechten Worten und Schlägereien einzulassen“. Der Streit eskalierte so stark im Laufe der Zeit, dass er an die nächst höhere Distanz, an das Oberamt in Germersheim verwiesen wurde. Als Folge erstellte man einen genauen Grabplan mit Namens, Religions- und Altersangabe . Dieser hat einen besonderen Seltenheitswert; denn anhand der „Totenliste“ stellte Pfarrer Schirmer fest, dass der Witwer Henrich Kern im Alter von 100 Jahren verstorben war. Das Durchschnittsalter betrug damals gerade 48 Jahre.

Durch „Erlass einer hohen Regierung“ von 1817 wurde eine neue Friedhofsordnung in Kraft gesetzt. In ihr war u.a. angeordnet, dass Begräbnisplätze wenigstens 35 – 40 Meter von bebauten Städten und Flecken entfernt sein müssen. Eine aufgelassene Lehmgrube, nordöstlich des Dorfes bot sich an, dort eine neue Begräbnisstätte zu installieren. Am 1. Mai 1828 wurde der neue und jetzige Friedhof zur „Aufnahme von Leichen“ in Betrieb genommen.

Um Streitigkeiten, wie zuvor beschrieben, zu vermeiden, erhielt die katholische Kultusgemeinde die Erlaubnis, auf „dem neuen Begräbnisplatz“ ihre Verstorbenen auf der Südseite zu bestatten. Diese Seite ist durch den Mittelweg von der Nordseite abgeteilt. Über diesen Teil besteht kein Vermerk, so dass zu vermuten ist, dass alle übrigen Verstorbenen hier bestattet wurden.

Mit diesem Beschluss war besiegelt, dass die Verstorbenen nach Konfessionen getrennt, bestattet wurden. In wenigen Einzelfällen wurden Eheleute von konfessionell gemischten Ehen nicht nebeneinander, sondern getrennt bestattet. Die Gepflogenheit, die Verstorbenen nach Konfessionen getrennt zu bestatten, hat sich im Lauf der Zeit auch ohne behördliches Zutun fortentwickelt, denn die nachfolgend verstorbenen Angehörigen wurden meistens in den Gräbern ihrer Vorfahren beigesetzt.

1889 flackerte der Streit um das alte Kirchhofgelände , (damals Kirchhofgärtchen genannt) nochmals auf. Man scheute aber den gerichtlichen Weg der „Kosten halber“ Der Rechtsstreit um den alten Kirchhof wurde bei Anlegung des Grundbuchs beigelegt, in dem das Eigentum auf die katholische Kultusgemeinde übertragen wurde. An die evangelische Kultusgemeinde mussten „behelfs Abtretung von Rechten „ 150.-- Mark aus der (katholischen) Kirchenkasse bezahlt werden.

Wahrscheinlich haben die Opfer der beiden Weltkriege in der Göcklinger Bestattungspraxis ein Umdenken bewirkt. Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts ist man von dem Brauch abgerückt.

Mit dem letztjährigen Gemeinderatsbeschluss, ein gemeinsames Urnenfeld anzulegen, ist der Streit, an den sich die jüngere Generation nicht mehr erinnert, nunmehr endgültig und auf Dauer begraben. Und auf dem zentral gelegenen früheren Kirchhof – dem heutigen Pfarrgarten - feiern heute Christen aller Konfessionen und auch Angehörige anderer Religionsgemeinschaften gemeinsam und friedlich unter dem Schatten der noch stehenden Platane ihre weltlichen und kirchllichen Feste in froher Eintracht.

pkl