Göcklingen

Göcklingen Panoramabild von Göcklingen

Erinnerungen unseres Ehrenbürgers Hermann Frech

Sybille

war eine Schwester meiner Großmutter.  Diese hatte mehrere Brüder und Schwestern, alle tüchtige Menschen, die es im Leben zu "etwas brachten". Nur Sybille war nicht so begabt, etwas zurück geblieben, könnte man sagen.

Sie arbeitete als tüchtige Magd auf einem Bauernhof, wurde missbraucht und brachte einen Sohn zur Welt. Vermutlich wollte man die Geburt durch eine Abtreibung verhindern. Wie damals nicht unüblich, ging man zu einer so genannten "Engelsmacherin". Dabei wurden  Methoden und Substanzen eingesetzt, die nicht ungefährlich für Mutter und Kind waren. Jedenfalls misslang der Schwangerschaftsabbruch bei Sybille und sie brachte - wie sich später zeigte - einen geistig behinderten Jungen zur Welt. Er erhielt die Vornamen Karl Michael, wurde aber später von allen "Karlemichel" gerufen. Ein Onkel von ihm nahm ihn auf , wo er im Haus, Hof, Stall, Garten und Acker nach seinen Fähigkeiten behilflich war.

Die große Stunde von Karlemichel kam bei Kriegsende. Die Amerikaner (wobei natürlich die Soldaten gemeint waren) standen vor Göcklingen. Fast alle deutsche Soldaten waren abgezogen. Man befürchtete, dass die Ami das nicht wüssten und Göcklingen vor dem Sturm beschießen würden. Man suchte jemand, der bereit war, die weiße Fahne (der Ergebung) auf dem Turm der katholischen Kirche zu hissen. Niemand erklärte sich bereit, denn bei einer eventuellen Rückkehr der deutschen Truppen  drohte die Gefahr, für diese Tat erschossen zu werden. Also schickte man Karlemichel hoch, der die undankbare Aufgabe übernahm und dadurch wahrscheinlich viele Göcklinger vor dem Tod und viele Häuser vor der Zerstörung bewahrte. Leider wurde er doch noch ein Opfer des Krieges. Beim Futter holen für das Vieh fand er in einem Obststück eine Eierhandgranate, dessen Gefährlichkeit er nicht kannte. Er zog an dem Abzugsring, worauf die Granate explodierte und ihn tötete. So unbarmherzig und grausam kann das Schicksal sein.

Sybille diente  später als Magd bei einem anderen Bauern. Sie wurde dort erneut missbraucht und schwanger. Da der Erzeuger nicht erkannt werden und wahrscheinlich auch nichts für seinen Nachwuchs zahlen wollte, wurde erneut ein misslungener Schwangerschaftsabbruch durchgeführt. Sybille gebar wieder einen behinderten Buben, der von meinem Großvater August und meiner Oma Malche (Amalie) in guten Händen erzogen wurde. Er half meinen Großeltern so gut es ging. Während des Krieges  kam er auf behördliche Anweisung auf einen größeren Bauernhof in Essingen. Da er nie von zu Hause fort war, plagte ihn das Heimweh sehr. Nachdem er eine kleine Wunde am Bein hatte, riet ihm ein Mitarbeiter, etwas Mineraldünger in die Wunde zu reiben, damit  sie sich entzündet,  er ins Krankenhaus käme und von dort wieder zurück nach Göcklingen. Es kam tatsächlich zu einer Blutvergiftung und Fritz, so war sein Name kam ins Krankenhaus. Dort besuchte ihn meine Oma und ich. Ich brachte ihm noch einen Zeichenblock und Farbstifte mit; denn er malte gern und gut.

Ich selbst sah ihn nie wieder, weil ich mit fünfzehneinhalb Jahren zur "Flak" nach Ludwigshafen eingezogen wurde. Fritz starb kurze Zeit später an der Blutvergiftung. Er war ein friedlicher und hilfsbereiter Mensch, der mir in steter und guter Erinnerung bleiben wird.

pkl

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