Göcklingen

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Der Egoist und sein Garten

Es war einmal ein Mann, der lebte in einem wunderschönen Garten mit Blumen, seltenen Pflanzen und den edelsten Bäumen, die ihm Schatten spendeten. Das wundersamste an dem Garten waren die Vögel, die jeden Morgen zu einem vielstimmigen Konzert anhoben, wie in einem Chor, dessen Melodie vom Wind in die Welt getragen wurde. So ging es viele Jahre. Die Vogelschar veränderte sich, manche Vögel wohnten ständig in seinem Garten, andere kamen für kurze Zeit, ein paar waren nur einmal da und kamen nach Jahren wieder, manche ruhten sich nur aus und wurden nie mehr gesehen. Letzteres machte den Mann traurig; denn er hätte gerne alle Vögel ständig in seinem Garten gesehen. Er überlegte, was er dagegen tun könnte. Schilder mit der Aufschrift: "Nur für Vögel, die immer bleiben" oder "Ausflug verboten" halfen nichts und die Vögel kamen und flogen fort, wie sie wollten. Da baute er eine große Mauer um sein Anwesen, um die Vögel am Wegfliegen zu hindern. Doch das war erfolglos, außer dass die Sonne nicht mehr in den Garten scheinen konnte. Da spannte er ein Netz von Mauer zu Mauer und kein Vogel konnte mehr weg fliegen. Aber es konnte auch keiner mehr in seinen Garten hinein fliegen. Auch unter den Vögeln machte sich eine große Unruhe breit. Ihr Flug wurde unruhig und ihr Gesang wurde leiser, bis er ganz verstummte. Der Garten war ein einziger Käfig geworden. Auch das beste Vogelfutter vermag die Vögel nicht mehr zu bewegen, ihre Stimme zu erheben. Totenstille breitete sich im seinem Garten aus.

Der Mann klagte sein Leid einer weisen Frau, die ihn wie folgt belehrte: "Die Vögel sind für den Himmel bestimmt. Sie singen nur, wenn sie sich frei bewegen können. Es ist besser, einige Vögel kommen und ziehen zu lassen, als alle in einen Käfig zu sperren". Der Mann verstand die Lektion, zerriss das Netz und ließ alle Vögel frei. Und von der Stunde an füllte sich der Garten wieder mit Gesang und Leben. Die Mauern stürzten mit der Zeit ein, die Hecken wuchsen, worin die Vögel ihre Nester bauten. Und wenn die Zugvögel im Frühjahr kamen und im Herbst wieder weg flogen wusste der Mann, dass es nach alter Ordnung so sein musste. Er ahnte, dass hinter dem Horizont seines Gartens noch andere Gärten waren und dass viele Vögel die Sehnsucht nach diesen Gärten spürten. Manchmal spürte er auch in sich diese Sehnsucht.

Auch wir wollen oft das Glück und die positiven Seiten des Lebens für uns allein genießen und nicht mit anderen Menschen teilen, bis uns bewusst wird, dass jeder ein Recht auf einen Anteil an der Schöpfung hat.

pkl